Verbrechen von Iguala nach wie vor nicht aufgeklärt

Eltern der Verschwundenen bei der UNO - Foto: desinformemonos.org

Eltern der Verschwundenen bei der UNO – Foto: desinformemonos.org

Sie hätten eine weitere Zahl unter den über 26.000 Verschwundenen sein sollen – doch die Hartnäckigkeit der Angehörigen enthüllt die systematischen Verbrechen des mexikanischen Staates

In der Nacht vom 26. auf den 27. September wurde im mexikanischen Bundesstaat Guerrero eine Gruppe von Lehramtsstudenten der „Escuela Rural Normal de Ayotzinapa“ von der Polizei in Begleitung schwarz vermummter Todesschwadronen mehrmals brutal angegriffen. Bei den Vorfällen in der Nähe der Stadt Iguala wurden sechs Menschen mit zum Teil unvorstellbarer Grausamkeit hingerichtet. 43 weitere Studenten gelten seitdem als verschwunden. Ein Vorfall, der das Land bis heute in Aufruhr versetzt.

Ursprünglich wollten die jungen Männer Spenden für ihre stark unterfinanzierte Hochschule sammeln. Danach war geplant nach Mexiko-Stadt weiterzureisen, um an dem Gedenken an das Massaker von Tlateloco im Jahr 1968 teilzunehmen.

Nachdem die Beteiligung der Polizei an dem Verbrechen öffentlich geworden war, präsentierte die Staatsanwaltschaft einen Tathergang, in dem staatliche Kräfte nur auf lokaler Ebene beteiligt waren.

Angeblicher Tatort: Müllhalde von Cocula - Foto: desinformemonos.org

Angeblicher Tatort: Müllhalde von Cocula – Foto: desinformemonos.org

Laut offizieller Version wurden die überlebenden Studenten von der lokalen Polizei verhaftet und an Mitglieder des Drogenkartells Guerreros Unidos übergeben. Diese hätten die Studenten dann auf einer nahegelegenen Müllhalde in Cocula ermordet und ihre Leichen verbrannt. Von den Opfern seien nur noch kleinste Reste von Asche und Knochen übriggeblieben. Diese hätten die geständigen Täter dann in Plastikbeutel verpackt und in einem nahegelegenen Fluss versenkt. Dabei waren die von den Ermittlern präsentierten Fundstücke derart verbrannt, dass bisher lediglich die DNA einer Person identifiziert werden konnte. Als Auftraggeber für dieses Verbrechen wurde der Bürgermeister von Iguala José Luis Abarca benannt. Durch die Morde hätte dieser eine geplante Protestaktion der Studenten gegen einen Festempfang seiner Frau verhindern wollen.

Womit die Behörden jedoch nicht gerechnet hatten, ist der bis heute ungebrochene Wille der Kommilitonen und Familien, ihre verschwundenen Angehörigen lebend wiederzufinden. Dabei stellen diese mit Hilfe zugezogener Experten und erfahrenen Menschenrechtsanwälten die Arbeit der mexikanischen Behörden immer wieder infrage.

Falsche Spuren

Denn während die Regierung gerne von Aufklärung spricht, scheinen die Ermittler eher damit beschäftigt zu sein, Beweise zu manipulieren oder am Besten gar nicht erst zu finden.

So wurde bereits am 28. September der Öffentlichkeit ein vermeintlicher Täter präsentiert, welcher die Ermittler an ein Massengrab mit 28 Leichen führte. Allerdings wurde schnell klar, dass die gefundenen Leichenteile nicht von den verschwundenen Studenten stammen konnten.

In der Folgezeit verliefen die Ermittlungen mehr als schleppend. So dauerte es trotz der Schwere des Verbrechens mehr als zwei Wochen, bis die Bundesstaatsanwaltschaft den Fall übernahm. Als die überlebenden Studenten schließlich befragt wurden, drehten sich die Verhöre lediglich um ihre angebliche Mitgliedschaft zum organisierten Verbrechen, während die Ereignisse der Tatnacht überhaupt keine Rolle spielten.

Immerhin schickte die Zentralregierung mehrere Tausend Soldaten und Polizisten in die Region. Doch anstatt die Angehörigen bei der Suche der Vermissten zu unterstützen, waren diese eher damit beschäftigt, die Menschen vor Ort einzuschüchtern und zu bedrohen. Auch berichteten unabhängige Medien von einer Reihe willkürlicher Verhaftungen von Personen, welche laut Zeugen rein gar nichts mit irgendwelchen Drogenkartellen zu tun hätten.

Die bei den Übergriffen beschossenen und zerstörten Busse wurden hingegen erst zwei Monate nach den Ereignissen von der Spurensicherung untersucht.

Angehörige finden 42 Massengräber

Bürger suchen selbst nach Verschwundenen - Foto: desinformemonos.org

Bürger suchen selbst nach Verschwundenen – Foto: desinformemonos.org

Unterdessen setzten die Eltern und Kommilitonen der Studenten mit Hilfe der autonomen Gemeindepolizei die Suche nach ihren Kindern fort. Unterstützt wurden sie dabei von einem Team unabhängiger Forensiker aus Argentinien. Es gelang ihnen, allein bis Mitte Dezember 42 versteckte Massengräber ausfindig zu machen. Doch in keinem von diesen befanden sich die Studenten. Allerdings belegen diese Funde, dass in den Bergen von Guerrero wie auch in anderen Teilen des Landes ein Verbrechen schlummert, dessen Ausmaß bislang nur erahnt werden kann.

Bundespolizei und Armee beteiligt

Inzwischen wird die von der Generalstaatsanwaltschaft vertretene Version der Tat gleich von mehreren Seiten massiv und konkret infrage gestellt.

So haben gemeinsame Recherchen der Journalistin Anabel Hernández zusammen mit Experten der Universität von Berkley ergeben, dass die Studenten von Ayotzinapa während ihrer gesamten Reise von bundesstaatlichen Behörden observiert wurden. Darüber hinaus belegen Videoaufnahmen sowie Zeugenaussagen, dass sich, entgegen den Behauptungen des Chefermittlers, Einheiten der Bundespolizei in unmittelbarer Nähe des Tatortes aufhielten und auch in die Geschehnisse mit eingriffen. Auch war die Armee während der Angriffe durch mehrere Straßensperren, die den Tatort von unliebsamen Blicken abgeschirmten, in unmittelbarer Nähe anwesend.

Dabei sind die Soldaten den verwundeten Studenten bis ins Krankenhaus gefolgt. Dort wurden diese erkennungsdienstlich behandelt und eingeschüchtert. Einer der Studenten erinnert sich dabei an folgende Drohung: „Ich rate euch eure richtigen Namen anzugeben, denn sonst werden sie euch nie finden.“

Auch kam bei den Recherchen heraus, dass die Festivitäten, welchen angeblich von Studenten hätten gestört werden sollen, bereits Stunden vor den besagten Ereignissen zu Ende gegangen seien.

Militär unter Verdacht - Foto: desinformemonos.org

Militär unter Verdacht – Foto: desimformemonos.org

Neben diesen Erkenntnissen bringt ein wissenschaftliches Gutachten die These der Staatsanwaltschaft ins Wanken. So belegen die Ausführungen des Physikers der renommierten Universität UNAM Jorge Antonio Montemayor, dass es praktisch unmöglich gewesen sei, die Studenten an besagtem Ort und unter freiem Himmel derart zu verbrennen, dass quasi keine DNA mehr an den Überresten festzustellen sei. Dabei bezeichnet Montemayor die Version der Staatanwaltschaft als reine Phantasie. Denn im Grunde genommen sei eine solch umfassende Verbrennung nur unter Bedingungen möglich, wie man sie in industriellen Kremationen vorfinden kann.

Ein geplantes Massaker?

All diese Tatsachen erwecken den Verdacht, dass sich es sich bei der Tat um ein von höchster Stelle geplantes und durchgeführtes Verbrechen handelt, bei dem Behörden und Sicherheitskräfte minutiös zusammengearbeitet haben.

Konkret richtet sich der Verdacht dabei gegen das 27. Militärbataillon von Iguala. Dieses ist laut dem Analysten Carlos Fazio eine in der Aufstandsbekämpfung ausgebildete Spezialeinheit. Darüber hinaus war besagte Einheit bereits in den 70er Jahren, zu Zeiten der „Guerra Sucia“ (schmutzige Kriegsführung), für das massenhafte Verschwindenlassen unzähliger unliebsamer Aktivist_innen bekannt. Auch weiß man heute, dass zahlreiche Militärkasernen mit Krematorien ausgestattet sind.

Während die Regierung versucht, ihre scheinbar erfundene Version als „historische Wahrheit“ darzustellen, kritisieren Organisationen wie Amnesty International, dass sich die die Ergebnisse der Ermittler ausschließlich auf die Geständnisse vermeintlicher Mittäter stützen. Mindestens zehn der verdächtigen Personen wurden brutal gefoltert, was ihre Aussagen nicht unbedingt glaubwürdiger macht. Auch die argentinischen Experten kritisieren die mexikanischen Behörden. Sie werfen ihnen ein unwissenschaftliches Vorgehen sowie das Manipulieren der Beweiskette vor.

Der Fall der 43 verschwundenen Studenten und die stümperhafte Aufklärung bringen die Regierung zunehmend in Bedrängnis. Dabei ist Ayotzinapa nur ein Beispiel unter vielen, wahrscheinlich Tausenden nicht aufgeklärten Verbrechen des mexikanischen Staates.

Die Regierung gerät nun auch außenpolitisch zunehmend unter Druck. So möchte die UNO nun etwa auch den Fall des ermordenden Journalisten Moisés Sánchez aus Veracruz selbst untersuchen sowie Mexikos Maßnahmen gegen das gewaltsame Verschwindenlassen unter besondere Beobachtung stellen. Anfang Februar waren die Eltern eines vermissten Studenten nach Genf gereist, um Mexiko vor der Staatengemeinschaft anzuklagen. In diesem Fall hat sich nun auch das Europaparlament, trotz einer im Allgemeinen widersprüchlichen Haltung durchgerungen, zumindest eine weitere unabhängige Untersuchung finanzieren zu wollen.

Dennoch bleibt abzuwarten, ob es angesichts der enormen Fähigkeit des mexikanischen politischen Systems, Proteste zu kaufen, zu spalten oder auch gewaltsam niederzuschlagen, gelingen kann, die derzeitigen Unruhen im Land zu nutzen, um eine tiefgreifende Veränderung des Landes endlich Realität werden zu lassen.

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