Ich wünsche ihnen eine gute Projektion

LIGHT FLY, FLY HIGH. Beathe Hofseth, Susann Østigaard. Norwegen, Indien | 2013 | 80' OmeU

LIGHT FLY, FLY HIGH. Beathe Hofseth, Susann Østigaard. Norwegen, Indien | 2013 | 80′ OmeU

„Arme Leute filmen und das dann rumzeigen in .. wie heißt es … Europa. Wozu? Das bringt doch nichts.“ Das Programm des Münchner Ethno-Filmfestes richtet sich an ein breites Publikum, jedoch nicht immer an dessen Sehgewohnheiten. Die zahlreichen cinesiastischen Beiträge schaffen neben dem Verständnis über Fremdkulturelles, auch assoziative Bildergeschichten und konfrontative Dialoge.

Von Mathias Graf

Vom 19. – 23. November 2014 fand das Münchener Ethno-Filmfest im Völkerkunde-Museum „Fünf Kontinente“ statt.  Seit bereits über zehn Jahren werden hier aktuelle Filme mit hohem technischen wie ästhetischen Niveau aus der ganzen Welt gezeigt. Hinter diesem Programm steht vor allem die Kooperation zwischen dem Museum und dem Institut für Ethnologie der Universität München bzw. die Zusammenarbeit des Leiters der Afrika-Abteilung des Museums Dr. Stefan Eisenhofer und dem Professor für visuelle Anthropologie Dr. Frank Heidemann.

Das Angebot richtet sich in Abgrenzung zu den Filmfesten in Freiburg und Göttingen nicht ausschließlich an ein cinesiatisches oder ethnologisches Fachpublikum, sondern vielmehr an eine breite und interessierte Öffentlichkeit. Allerdings verfolgen die beiden Organisatoren klare pädagogische Ansprüche. So soll das Festival nicht lediglich Inhalte liefern und Quote machen. Es sei durchaus ein missionarischer Eifer dahinter, die Zuschauer auch an ungewöhnlichere Filme heranzuführen, um neue Denkräume über eigene und fremde Kulturen zu öffnen, so Eisenhofer und Heidemann.

Anstatt auf ein übergeordnetes Motto zu setzten, vertrauen die Veranstalter auf eine große thematische wie geographische Breite. Ein Blick in das Programmheft scheint die Erfüllung dieses Anspruchs zu bestätigen. Allerdings fällt auf, dass neben fünf Filmen zu Indien, jeweils nur ein einziger über Ost-, Südostasien und Lateinamerika zu finden ist.

AMMA UND APPA. Franziska Schönenberger, Jayakrishnan Subramanian. Deutschland, Indien | 2014 | 89' OmeU     MY NAME IS SALT     BODY GAMES     DAS MÄDCHEN WADJDA

AMMA UND APPA. Franziska Schönenberger, Jayakrishnan Subramanian. Deutschland, Indien, 2014

Durch den Festival-Besuch wird jedoch auch klar, dass es auch um Vielfalt der Machart von Filmen geht. Wie unterschiedlich Forscher- und Kamerateams an Themen und deren Darstellung herangehen können, wird daran deutlich, dass hier neben Spiel-und Dokumentarfilmen auch narrative Bildergeschichten gezeigt werden. Diese verzichten fast komplett auf sprachliche Mittel. Beiträge wie „Under the Palace Wall“ oder „My Name is Salt“ fordern das an Meinungs-Reportage gewohnte Sehverhalten ungemein heraus. Man sehnt sich ständig nach sprachlichen Fakten und erklärender Interpretation, anstatt die Bilder erzählen zu lassen und den eigenen Gedanken zu folgen. Angesichts der langen Kameraeinstellungen kommt einem zuweilen die heikle Frage, ob es nicht einer Entmündigung nahekommt, wenn Menschen gezeigt werden aber vergleichsweise nur wenig zu Wort kommen.

Bemerkenswert ist weiterhin, dass neben Filmen mit populären interkulturellen Darstellungen, wie der ausverkaufte Eröffnungsfilm „Amma und Appa“, der von den Hindernissen in einer bayerisch-indischen Liebe handelt, auch zahlreiche transkulturelle Perspektiven eingenommen werden. In diesen werden die verschiedenen Lebenswelten von Menschen innerhalb vermeintlicher homogener nationalstaatlicher Großgruppen oder Kulturräumen beschrieben. Zu nennen wären hier Filme wie „Descending with Angels“, „Flowers of Freedom“, „Polyphonia“ oder „Light fly, fly high“.

Laut Frank Heidemann sei es zu begrüßen, dass „die Ethnologie und der ethnographische Film den veränderten Umständen in denen Menschen leben, folgt“. Für ihn ist unter anderem entscheidend, dass die Beiträge „die durchaus auch in der eigenen Kultur sein können, die Perspektiven der Gezeigten miteinbeziehen und sich direkt oder auf einer Meta-Ebene mit den großen, kontemporären Problemen der Zeit befassen und zum Nachdenken anregen“.

So ist es mitunter beeindruckend, welche Teilnahme an der Erfahrungswelt von Menschen in deren natürlichen Alltagswelten entsteht. Die Kamera scheint ungestört Teil des Geschehens zu sein, indem EthnologInnen und Protagonisten interagieren. Und mehr noch: gerade durch die Kamera gewinnen die unendlichen Kleinigkeiten, Gesichtsausdrücke, Gesten, Mehrdeutig- und Gleichzeitigkeiten an Gestalt, wie es mittels textlicher Übersetzung nur schwer gelingen könnte.

An diese Qualitäten scheinen sich allerdings die Nachwuchs-Projekte der samstags-nachmittags Reihe „Young Professionals“ noch heranzutasten.

In ihnen überwiegt ein beobachtender bis voyeuristischer anstatt teilnehmender Umgang mit der Kamera. Zudem liefern sie bei der Nachzeichnung subjektiver Weltbilder und Alltagspraktiken keine dichte Beschreibung von mehr oder weniger abgrenzbaren Milieus, Lebensstilen oder Kulturen. Es werden also keine holistischen Verbindungen und sozio-kulturellen Kontexte der jeweiligen Akteure erkennbar. Bei der Behandlung von kulturellen Institutionen wie z.B. Festen („Grenzsequenz“) oder Mensch-Tier-Beziehungen („Sitz, platz, aus“) fehlt die Diskurshöhe, also der Rückbezug auf aktuelle oder universelle Fragen oder Debatten.

Diesen hingegen stellt sich Ascan Breuer in seinem Film „Jakarta Disorder“, der von den durch Gentrifizierung verelendeten Massen der Hauptstadt Indonesiens handelt: Auch wenn Breuer keinen Film über Armut machen wollte, kommt direkt in der Anfangsszene ein Slumbewohner mit einer kritischen Äußerung zu Wort. „Arme Leute filmen und das dann rumzeigen ..“ war die Aussage, anhand welcher Breuer deutlich machte, in Jakarta nicht an diesem Thema herumzukommen.

„Entgegen dem Bestreben meiner Produzenten wollte ich diesen Anfangssatz unbedingt drinlassen, weil er sehr gut zeigt, in welche Lage man sich als westlicher Filmemacher oder Wissenschaftler bei solchen Projekten versetzt. Man fühlt sich eben zum Teil auch stark deplatziert. Jedoch würde ich die Aussage dieses Satzes auch verneinen. In meinem Film zeige ich ja auch, welche Kraft und welches demokratische Potential diese entrechteten Menschen entfalten können, indem sie sich organisieren.“

Für die Zukunft des Festivals wünscht sich Stefan Eisenhofer weiterhin gute Filme zeigen zu können, denn das Filmfest sei auch für ihn das Highlight des Veranstaltungsjahres. Auch weil von den Besuchern so viel unmittelbares und herzliches Feedback komme.

My Name is Salt_620x320

MY NAME IS SALT. Farida Pacha, Lutz Konermann. Schweiz, Indien, 2013, 91′ OmdtU

Es gebe neben der Kooperation mit Frank Heidemann auch eine sehr starke Unterstützung der gesamten Museums-Kollegenschaft. Zudem habe sich erfreulicherweise die Finanzierungssicherheit in den letzten Jahren erheblich stabilisiert. So konnte auch dank der Museums-Direktorin in neue Sound-und Projektionssysteme investiert werden. Dadurch wurde das Festival mitsamt dem Museum, das lange Zeit geschlossen war und fast nur noch als Dauerbaustelle in den Köpfen der Münchner existierte, kontinuierlich etabliert: Die Besucherzahlen stiegen von Jahr zu Jahr. Diesmal werden es wohl um die 1500 sein, meint Frank Heidemann.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>