Andere Ebenen

Mansa_MusaVon Matthias Graf

In der BRD wird Rassismus in zu enger Weise mit Rechstextremismus und neonazistischer Gewalt verstanden. Viele Formen von Rassismus bleiben dadurch unberücksichtigt. Dies wurde mehrfach von internationalen Gremien kritisiert, zuletzt durch einen UN-Sonderbericht. In der Landschaft der politischen Bildung und des interkulturellen Lernens findet derzeit eine hitzige Auseinandersetzung mit den Ansätzen der postcolonial studies statt. Hierin besteht eine Möglichkeit, die kritisierte Leerstelle im Engagement gegen Rassismus zu füllen. Konzepte der Diskursanalyse bieten sich dabei als sinnvolle Ergänzung zu individual-psychologischen Zugängen für die pädagogisch-politische Arbeit.

Die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz, der UN-Ausschuss gegen Rassismus sowie zuletzt der UN-Sonderbericht des Menschenrechtsbeauftragten Githu Muigia kritisierten die Thematisierung von Rassismus in der deutschen Politik.

Demnach sei der Rassismusbegriff den Bund, Länder und Kommunen ihrem Engagement gegen Diskriminierung zugrunde legen verkürzt. Durch den Fokus auf rechtsradikale Ideologie und Gewalt gerieten viele Formen von Rassismus aus dem Blickfeld. So etwa strukturelle Ebenen, durch die Benachteiligungen für Menschen mit Migrationshintergrund entstehen. Durch das dreigliedrige Schulsystem oder Lücken im Gleichbehandlungsgesetzt, die Diskriminierung bei der Wohnungssuche zuließen, so Muigai

Der Bericht von Muigai erfuhr u. A. eine Bestätigung durch das Institut für Menschenrechte in Berlin. Die Institutsdirektorin Beate Rudolf erklärte, dass der UN-Berichterstatter zu Recht diese Umstände als grundlegendes Problem ansieht. Denn Rassismus, so Rudolf, finde sich auch in der Mitte der Gesellschaft, z.B. durch die stereotype Zuweisung bestimmter Eigenschaften an bestimmte Menschen.

Dementsprechend lassen sich in der Landschaft der politischen Bildung Muster der Rassismus-Thematisierung erkennen.

In den Teilbereichen Globales Lernen und Bildung für nachhaltige Entwicklung ist es der Orientierungsrahmen für den Lehrbereich globale Entwicklung, der den Leitfaden vorgibt. Dieser wurde aus Mitteln des Bundesministeriums für Zusammenarbeit (BMZ) erstellt und von der Kultusministerkonferenz abgesegnet. Als ein zentraler Lerninhalt findet sich neben grundsätzlichen, der Globalisierung geschuldeten Fragen nach sozio-ökonomischen Zusammenhängen, der kritische Umgang mit Wissensbeständen.

Allerdings wird in der Pädagogik hauptsächlich auf psychologische Ansätze und Theorien zurückgegriffen. Mit der Folge, dass das einschlägige Vokabular (Stereotypen, Vorurteile, fremdenfeindliche Einstellungen etc.) die zu stellenden Fragen primär im Individuum verortet. Dieses wird aufgefordert, seine unreflektierten, unbewussten und auf mangelnder Erfahrung, Ängsten oder Halbwissen beruhenden Denkstrukturen zu hinterfragen und zu öffnen. Dieses Vorgehen hat natürlich Sinn. Jedoch obliegen ihm auch klare Grenzen. Möchte man Rassismus jenseits der Irrationalität oder Böswilligkeit Einzelner verstehen, wie dies von Muigai und Rudolf für sinnvoll erachtet wird, bieten sich jedoch auch andere Möglichkeiten der Thematisierung.

In diesem Zusammenhang bietet die Diskursanalyse einen quasi umgekehrten Ansatz, durch den grundlegende soziale und kulturelle Faktoren berücksichtigt werden können. Diese sieht nicht allein die mentalen Einstellungen von Individuen als Urheber von diskriminierenden Handlungen. Sie hinterfragt stattdessen die Zusammenhänge, in welchen die in einer Gesellschaft geltenden Bedeutungen und Schlussfolgerungen entstehen. Also, von welchen sozialen Positionen oder institutionellen Strukturen sie gewollt, ermöglicht und herbeigeführt werden. Auf dieser Grundlage ergibt sich die Frage, welche Konsequenzen diese überindividuellen, strukturellen Ebenen für Menschen als Rahmen für Handlungen und Prozesse der Identitätsbildung haben können.

In diesem Vorgehen wird die `Mitte der Gesellschaft` in Form vom `Jedermann` direkt angesprochen. Jedes Individuum sieht sich mit gewissen hergestellten Wahrheiten und Strukturen, die überindividuell entstanden sind, konfrontiert, mittels derer soziale Positionen abverlangt, zugestanden und auch verhandelt oder durchbrochen werden..

Die Diskursanalyse berücksichtigt dabei allerdings nicht nur individualpsychologische Dispositionen wie Vorurteile etc., sondern auch Symbolsysteme als Faktoren sozialer Prozesse. Denn Menschen verständigen sich durch weit mehr als über die geistigen Inhalte der Sprache. Zeichen und Praktiken, die von anderen Menschen gelesen und interpretiert werden, sind ebenso zentral. Anhand dieser erfolgen Zuschreibungen, welche die Personen an ihre (il)legitime Plätze verweisen, so z.B. die Zubereitung und das Verzehren traditioneller Gerichte, die Verwendung fortschrittlicher Technik oder das selbstverständliche oder anstößige Inanspruchnehmen eines bestimmten Sitzplatzes oder Redeverhaltens.

Diese Implikationen, welche aus verschiedenen Disziplinen wie etwa der Semiotik oder der Literaturwissenschaft oder der Kultursoziologie herrühren, finden in interdisziplinären Ansätzen des Poststrukturalismus oder den cultural studies ihre Anwendung.

Aus eben diesen fachlichen Hintergründen und theoretisch-methodischen Bezügen speisen sich auch die derzeit so hitzig diskutierten postcolonial studies (und critical whitness studies).

Möchte man in der politischen Bildung also über alternative Handlungsoptionen im Bezug auf Rassismus reden, kann sich die Diskursanalyse als erfolgsversprechende Strategie erweisen.

Durch ihr Vorgehen erhellen sich tiefere Zusammenhänge, als aus den fremdenfeindlichen oder weltoffenen Absichten und Einstellungen Einzelner. Gerade deshalb empfiehlt sie sich für Bereiche wie Globales Lernen und Bildung für nachhaltige Entwicklung. Es können dadurch Varianten von Rassismus in vermeintlich harmlos-normalen oder alternativen Bereichen wie etwa dem Backpacker-Tourismus oder der Entwicklungszusammenarbeit herausgearbeitet werden.

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