Studie kritisiert schlechte Arbeitsbedingungen bei der Produktion von Orangensaft

Orangenernte Brasilien - Foto: Christliche Initiative Romero e.V.

Orangenernte Brasilien – Foto: Christliche Initiative Romero e.V.

Jährlich trinkt im Durchschnitt jeder Deutsche 30l Fruchtsaft- bzw. -nektar. Dabei entfallen allein 7,5l auf den Konsum von Getränken auf der Basis von Orangensaft. Trotz der Beliebtheit dieser Produkte wissen die meisten Menschen wenig darüber, wie und unter welchen Bedingungen der Deutschen zweit liebstes Getränk hergestellt wird.

Feldrecherchen und eine von der Christlichen Initiative Romero e.V. (CIR) und Ver.di  veröffentliche Studie fördern diesbezüglich problematische Fakten zutage.

So stammt mehr als 80% des in Deutschland konsumierten Saftes aus dem brasilianischen Bundesstaat Sao Paolo. Der Anbau und die Verarbeitung der Zitrusfrüchte liegen in der Hand von drei in Brasilien ansässigen Konzernen: LDC Dreyfuss, Cutrale und Citrosuco.

Fast der gesamte Orangensaft, den wir bei Aldi, Lidl, Edeka oder REWE kaufen, stammt von einem dieser drei Konzerne. Die Supermärkte hierzulande behaupten gerne von sich, auch bei ihren Zulieferern soziale und ökologische Mindeststandards einzufordern.

In der Realität hat dies jedoch wenig Auswirkungen auf das Leben der Arbeiter. So sind auf den Plantagen meist Wanderarbeiter mit Saisonverträgen eingestellt. Diese werden von sogenannten „gatos“ (Arbeitsvermittler) angeworben.

Viel Arbeit für zu wenig Geld

Dabei beträgt „die wöchentliche Arbeitszeit […] 44 Stunden. Aber in der Praxis ist der Arbeitsdruck so hoch, dass die Arbeitnehmer nicht zum Mittagessen können“, berichten Mitarbeiter hinter vorgehaltener Hand.

Um auf den gesetzlich festgelegten Mindestlohn von umgerechnet 9€ pro Tag zu kommen, muss ein Arbeiter knapp 2 Tonnen Orangen ernten. Doch selbst wenn das gelingt, ist nicht sichergestellt, dass er bzw. sie dieses Geld auch bekommt.

Erntehelferin: Cícera Coltro  - Foto: Weber

Erntehelferin: Cícera Coltro – Foto: Weber

Im Gespräch mit SINROSTRO bestätigt die Plantagenarbeiterin Cícera Coltro dieses Problem. So gelinge es ihr, an guten Tagen 60 Kisten á 40 kg zu ernten. Doch im Schnitt erhält sie dafür umgerechnet nur rund 6€. Dies auch, weil der Arbeitsvermittler rund 20% des Lohnes als Provision einbehält.

Daneben wird in der Studie „Im Visier: Orangensaft“ darauf hingewiesen, dass die Orangenpflücker nie genau wissen, wie viel Geld sie pro geerntete Kiste erhalten werden. Denn das Abwiegen der Zitrusfrüchte findet in Abwesenheit der Arbeiter statt.

Doch auch wenn es gelingen sollte, den Mindestlohn von 755 Reales (250€) im Monat zu erwirtschaften, reicht selbst dieser nicht zum Leben aus. So sind laut Kalkulationen von Gewerkschaften 1800 Reales (600 €) pro Monat als Minimum für ein Leben in Würde anzusehen. Dazu müsste der Lohn pro geerntete Kiste Orangen von umgerechnet 0,10€ auf 0,27€ steigen.

Krank durch Arbeit

Verkaufswege des Orangensaftkonzentrats - Grafik CIR e.V.

Verkaufswege des Orangensaftkonzentrats – Grafik CIR e.V.

Erschwert wird die Arbeit darüber hinaus durch mangelhaften Arbeitsschutz. Wer von der Leiter stürzt, wird genötigt weiterzuarbeiten. Bei den häufig vorkommenden Schlangenbissen kann keine medizinische Hilfe geleistet werden, weil Verbandsmaterialien meist nicht vorhanden sind. Aber auch die eingesetzten Pestizide machen den Arbeitern zu schaffen. Kopfschmerzen und Übelkeit sind dabei noch das kleinere Problem. So mussten erst vor kurzem acht Arbeiterinnen  und Arbeiter auf einer Plantage der Firma Citrosuco mit schweren Vergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Besonders gefährdet sind in diesem Zusammenhang die Traktorfahrer. Denn diese sind den Giften unmittelbar ausgesetzt. Wer erkrankt, wird dennoch pauschal als Simulant abgetan und kann leicht seine Arbeit verlieren.

Die Weiterverarbeitung der Früchte zu Organgensaftkonzentrat (FCOJ) oder auch Direktsaft (NFC) erfolgt in Fabriken. Doch auch dabei stellt sich die Situation der Arbeiter nur unwesentlich besser dar. Zwar sind die Löhne dort im Durschnitt etwas höher. Allerdings kann der Mindestlohn nur durch das Leisten von Überstunden erreicht werden. In der Erntezeit müssen mitunter Schichten von 14h Stunden abgeleistet werden. Wird Schutzkleidung beschädigt, muss der Arbeiter dies mit seinem Lohn begleichen. Überlastung und der Mangel an Arbeitssicherheit führen regelmäßig zu vermeidbaren aber immer wieder tödlichen Unfällen.

Monopolartige Stellung der Konzerne begünstigt Ausbeutung

Als Hauptgrund für diese Zustände nennt Márcio Propheta Sormani Bortolucci, Anwalt für Arbeitsrechte aus der brasilianischen der Region Piratininga, die quasi monopolartige Stellung der drei oben bereits erwähnten Konzerne. So könnten diese sowohl die Preise für die Orangen wie auch die Löhne für die Arbeiter diktieren. Die von den staatlichen Kartellbehörden 2006 durchgeführte „Operation Fanta“ brachte in diesem Zusammenhang jedoch keinen Erfolg. So gelang es den Konzernen, unter Berufung auf ihr Geschäftsgeheimnis wichtige Unterlagen vor dem Zugriff der Ermittler zu schützen.

Anwalt für Arbeitsrecht: Márcio Propheta Sormani Bortulucci - Foto Weber

Anwalt für Arbeitsrecht: Márcio Propheta Sormani Bortulucci – Foto Weber

Bezogen auf die Arbeitsbedingungen der Erntehelfer, geht Sormani Bortolucci sogar so weit, von sklavenähnlichen Zuständen zu sprechen. Zwar sind die Arbeiter heute nicht in Ketten gefesselt. Allerdings seien die Menschen durch die ökonomischen Umstände und den Mangel an Alternativen zur Arbeit auf diesen Plantagen gezwungen. Besonders perfide stellt sich die Situation der Wanderarbeiter dar. So werden diese z.T. aus mehreren Tausend Kilometer entfernten Regionen angeworben. Allerdings sind die Löhne oftmals so gering, dass das Geld nicht einmal ausreicht, um wieder nach Hause zu gelangen.

Hinzu kommt, dass die Arbeit von Gewerkschaften systematisch unterdrückt wird. Dabei reicht es laut der heute erschienenen Studie aus, sich etwa nach Feierabend mit einem Gewerkschaftsmitglied in einer Bar zu treffen, um auf einer „schwarzen Liste“ zu landen. Wer seinen Job nicht gleich verliert, muss dann damit rechnen, in der kommenden Saison keine Arbeit mehr zu erhalten.

Verantwortung europäischer Konzerne

Cícera Coltro und Márcio Propheta Sormani Bortulucci befinden sich derzeit auf einer Rundreise durch Europa, um über die Situation in ihrem Heimatland zu berichten. Dabei geht es ihnen auch darum, klar zu machen, dass das Problem der schlechten Arbeitsbedingungen kein rein brasilianisches sei. Als wichtiger Teil der Wertschöpfungskette seien demnach auch die großen Abfüllkonzerne und Supermarktketten Europas in der Pflicht. So müssten auch diese ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden, und dem Schutz der Arbeitsrechte mehr Bedeutung zukommen zu lassen.

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