Bildung für nachhaltige Ungleichheit?

German_colonial_lordVon Matthias Graf

Begriffe wie Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) oder Globales Lernen (GL) sind aus der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit hierzulande kaum mehr wegzudenken. Viel zu oft werden diese Konzepte jedoch unhinterfragt übernommen und angewendet. Mit der Broschüre „Bildung für nachhaltige Ungleichheit?” hat sich der Verein glokal e.V. dieser Problematik angenommen. Aus der Perspektive dieser Publikation wird deutlich, dass eine Debatte über die Inhalte dieser vermeintlich fortschrittlichen Lernkonzepte dringend geboten ist.

Es steht die Frage im Raum, welches Verständnis entwicklungspolitische Bildungsmedien vom „Globalen Süden“ vermitteln. Diesbezüglich untersuchte glokal e.V. über 100 Materialien der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit aus der Zeit zwischen 2007 und 2012. Dazu gehören sowohl Printmedien als  auch online verfügbare Materialien.

All diese Bildungsmedien orientieren sich an den Leitbildern der nachhaltigen Entwicklung oder des globalen Lernens. Verwendung finden sie in der schulischen sowie außerschulischen Arbeit. An diesen Ansätzen orientierte Bildungsarbeit hat das Ziel, Bewusstsein für globale Zusammenhänge zu schaffen. Dabei soll die Übernahme von Verantwortung gefördert werden.

Postkoloniale Perspektiven

Die VerfasserInnen haben ihre Kritik als “Postkoloniale Analyse” der oben beschriebenen Materialien konzipiert. Angeregt wurden sie dabei durch Nachfragen und Widerstände, die sie im Rahmen ihrer eigenen Arbeit als Referenten für einen Bildungsverein erfahren haben.

In „Bildung für nachhaltige Ungleichheit” wird eine Analyse der Bildungsmaterialien geliefert. Gleichzeitig wird jedoch auch ein theoretischer Einstieg in das Themenfeld postkolonialer Theorien vermittelt. Dieser setzt sich mit Fragen zu Nachwirkungen und aktualisierten Formen von Imperialismus und Kolonialismus in transnationalen Verflechtungen sowie globalen Machtverhältnissen auseinander. Eine beigefügte Praxishilfe kann dazu genutzt werden, selbstständig auch andere Materialien aus der postkolonialen Perspektive heraus zu analysieren.

Fokus auf die Verknüpfungen zwischen Effekten von Darstellungen und politischer Legitimität

Dabei wird deutlich, dass sich die postkoloniale Fragestellung nicht ausschließlich auf Bereiche wie militärische, politische oder ökonomische Expansion oder materielle Ausbeutungsverhältnisse beschränkt.

Es wird vielmehr nach Mustern von (medialen) Darstellungen (Repräsentationsmustern) gefragt, welche spezifischen Formen von Politik und Ökonomie zugrunde liegen bzw. diese rechtfertigen und plausibel erscheinen lassen.

Die Frage der means of production, also dem Besitz der Produktionsmittel, nach denen die klassische Schule des historischen Materialismus fragt und somit Ausbeutung thematisiert wird um den Bereich der meaning production, also der Frage nach Bezeichnungspraxis, Bedeutungsproduktion und Definitionsmacht von Repräsentationen erweitert.

Konkret geht es in der Untersuchung darum, wie entwicklungspolitische Bildungsmaterialien postkoloniale Machtverhältnisse thematisieren – dies sowohl innerhalb der deutschen Migrationsgesellschaft wie auch im globalen Kontext. Auch wird die Frage thematisiert, inwiefern dadurch Sichtweisen etabliert werden, die diese Verhältnisse legitimieren.

Die Fragwürdigkeit zentraler Konzepte wie Kultur und Entwicklung

Zwar wird laut glokal e.V. bei interkulturellen Begegnungen ein Kontakt auf Augenhöhe suggeriert, der Unterschiede bezüglich (global-)gesellschaftlicher Machtverhältnisse jedoch ausblendet. Stattdessen werde Kultur als vermeintliche Erklärungsschablone verwendet. Fragen nach sozio-ökonomischen oder historischen Hintergründen von Menschen und Lebensumständen werden somit systematisch vernachlässigt. Die Übungen und Methoden in den Bildungsmaterialien seien deshalb problematisch. Sie tendieren dazu, dass Erfahrungen im Ausland ausschließlich durch den Filter Kultur eingeordnet werden.

Max_und_Moritz_(Busch)_040Kultur in solch determinierender Bedeutung verstanden laufe jedoch größte Gefahr, die Fehler des Rasse-Begriffs zu wiederholen und die Charaktere oder das Verhalten von Menschen als deren „(zweite) Natur“ festzuschreiben. Dieser Prozess einer Kulturalisierung oder Naturalisierung von Menschen und Lebenslagen bewirke, dass auch Phänomene wie technischer Entwicklungsrückstand oder unterdrückerische Geschlechterverhältnisse mit Kultur erklärt würden.

Die Ausblendung von globalen und historisch gewachsenen Machtverhältnissen einerseits und die Veranschlagung eines determinierenden Kulturbegriffs andererseits führe deshalb dazu, dass bestehende gegenwärtige materielle Ungleichheiten zwischen „Nord und Süd“ entpolitisiert werden.

Zudem werde die Annahme zugrunde gelegt, Kulturen seien in sich einheitliche nach außen hin von anderen zu unterscheidende (nationale oder ethnische) Blöcke. Dies führe jedoch zu Übersimplifizierung und einer Markierung von Andersheit. So werde der Norden pauschal dem Süden gegenübergestellt, wobei Letzterer als ein Platzhalter für beliebige `fremde Kulturen` fungiere.

Der Norden bleibe dabei jedoch die unsichtbare kulturelle Norm (technischer Entwicklungsvorsprung, Gleichstellung zwischen den Geschlechtern, etc.), durch welche die Differenz bestimmt wird.

Besonders deutlich würde das im eurozentrischen Entwicklungsparadigma. In den analysierten Materialien werde Entwicklungspolitik nicht als partikulare, interessengeleitete Herangehensweise reflektiert, sondern neoliberale Praktiken von Nachhaltigkeit als objektive Wahrheiten dargestellt. So werde das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung als internationaler Konsens verstanden. Kritische Stimmen, etwa zu Emissionshandel, oder die ökonomischen Interessen der Verhütungsmittelindustrie im Zusammenhang mit Bevölkerungs-und Bildungspolitik blieben außen vor.

Die Bildungsarbeit verstoße deshalb gegen den eigens auferlegten Anspruch des Kontroversitätsgebots. Dieses besagt, dass Lehrende Themen kontrovers darstellen und diskutieren müssen, um freie Meinungsbildung zu fördern.

kolonialismus2Insgesamt werde Entwicklungszusammenarbeit als unschuldiger, karitativer und philanthropischer Akt inszeniert, der ausschließlich positive Folgen heraufbeschwöre. Dabei würden unhinterfragt europäische Normen und Standards angesetzt. Dazu gehören finanzielle Leistungsfähigkeit, Wirtschaftswachstum, biomedizinische Gesundheitsversorgung sowie das Bildungs- und Schulwesen. Die entsprechende Kompetenz nachhaltige Entwicklung herbeiführen zu können wird ausschließlich nördlichen Akteuren zugeschrieben.

Dieser Selbstbestätigung gegenüber werde der „Globale Süden“ weitgehend als Körper des Mangels und des Defizits begriffen. Es werde mit dem Begriff der nachhaltigen Entwicklung an das modernisierungstheoretische Verständnis von nachholender Entwicklung angeknüpft. Dementsprechend wird vermittelt, im Süden gäbe es noch zu wenig Bildung, zu wenig soziale Gerechtigkeit, zu wenig Demokratie, zu wenig …..

Dadurch entstünde ein Bild, dass Menschen im „Globalen Süden“ über keine adäquaten Formen der Erkenntnisgewinnung oder des Handelns verfügen würden.

In diesem Zusammenhang sei wiederum auffällig, dass die historische Kontinuität des Begriffspaares „Entwicklung/Unterentwicklung“, als in der Tradition des europäischen Kolonialismus und Rassismus stehend (Zivilisiert/Wild) nicht aufgearbeitet werde. Dadurch werde einer Reflexion über den Begriff Entwicklung bezüglich seiner Funktion in der Hierarchisierung von Gesellschaften entgegengewirkt.

Der Anstoß einer Debatte

Dabei möchten die VerfasserInnen ihre Untersuchung nicht als Generalabrechnung verstanden wissen. Stattdessen wird darauf abgezielt, eine Debatte unter Personen, Organisationen und Institutionen, die sich mit entwicklungspolitischer Bildungsarbeit in Deutschland beschäftigen, anzustoßen.

Mag auch das theoretische Niveau für den ein oder die andere zunächst vielleicht abschreckend sein. Die in der Untersuchung aufgezeigten Problematiken lassen sich jedoch schwerlich vom Tisch weisen. Eine Debatte über die inhaltlichen Konzepte und deren Wirkmächtigkeit innerhalb der politischen Bildungsarbeit scheint überfällig.

Sicher wäre es an einigen Stellen sinnvoll gewesen, anstatt Worthülsen wie z.B. „Antikolonialismus“, „kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse“, „globale Klassen“ oder „andere Formen des Wissens“ fundiertes Faktenwissen zu platzieren. Gerade wenn man, wie die VerfasserInnen vorschlagen, letztendlich auf strukturelle Veränderungen innerhalb politischer und ökonomischer Institutionen abzielt, bietet eine ethische Argumentationsweise womöglich zu wenig Schlagkraft.

So bleibt denn zunächst zu hoffen, dass sich Vertreter des hiesigen Bildungs-Mainstream nicht zu sehr auf den Schlipps getreten fühlen und die Herausforderung annehmen. Vielleicht fällt dies ja durch die Einsicht in die Tatsache leichter, dass sie mit dieser Aufgabe nicht alleine stehen. So hat sich z.B. die Ethnologie als die Wissenschaft vom kulturell Fremden bereits in den 80er Jahren mit den Ursachen und Effekten ihrer Repräsentationen auseinandersetzen und ihre postkolonialen Hausaufgaben erledigen müssen.

Wenn es um mehr Verständnis und Verantwortung für globale Zusammenhänge gehen soll, werden auch Fächer wie Geschichte, Geografie oder Psychologie diese Anforderungen nicht umgehen können.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>