Chaos in der arabischen Welt? Kein wirkliches Problem für den Westen!

Foto: Christiaan Triebert

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Nach den Umstürzen in der arabischen Welt vor mehr als zwei Jahren breiten sich heute in der Region Chaos und Gewalt aus. Auf den ersten Blick stehen Europa und die USA den Geschehnissen ohnmächtig gegenüber. Aus Sicht von Experten spielen die aktuellen Entwicklungen den Interessen des Westens jedoch durchaus in die Karten.

Rund 2 ½ Jahre nach Beginn des sogenannten arabischen Frühlings haben sich die anfangs freudigen Erwartungen nicht bestätigt.

So hat seit dem Putsch vom 3.Juli in Ägypten wieder einmal das Militär das Sagen. Seit dem wird auf Proteste mit brutaler Gewalt reagiert. Bis zum heutigen Tag fielen Hunderte Demonstranten den Sicherheitskräften zum Opfer.

Aber auch im Nachbarland Tunesien scheint sich die Lage von Tag zu Tag zuzuspitzen. Libyen, im Namen der Menschenrechte zerbombt, schafft es nicht, funktionierende staatliche Strukturen aufzubauen. Syrien ist seit Jahren in einem nicht enden wollenden Bürgerkrieg verhaftet. Dabei unterstützt der Westen die Rebellen gerade so weit, dass diese militärisch nicht besiegt werden können. Zum entscheidenden Schlag gegen Assad hingegen ließen sich die Nato-Länder bisher jedoch nicht hinreißen. Die Folge dieser perfiden Taktik waren mehr als hunderttausend Tote. Mehrere Millionen Menschen sind auf der Flucht. Dabei droht der Konflikt in Syrien auch die Nachbarstaaten Irak, Libanon und Jordanien zu destabilisieren.

Mehr denn je scheint die Region von einer Entwicklung hin zu Frieden, Stabilität und Demokratie entfernt.

Auf den ersten Blick macht es den Anschein, der Westen hätte die Kontrolle über die Ereignisse in der arabischen Welt verloren. Ist es doch erklärtes Ziel, die Region beim Aufbau demokratischer Strukturen zu unterstützen. Zum Zweiten gelten Chaos und Anarchie als ideale Brutstätte des internationalen Terrorismus und somit als direkte Bedrohung westlicher Sicherheitsinteressen.

Westliche Vormachtstellung als höchstes strategisches Ziel

Moderne Geostrategen stellen diese Sichtweise jedoch infrage. So hat laut Robert D. Kaplan, vom amerikanischen Think Tank Stratfor, der Westen Interessen, die nicht unbedingt mit dem Schutz von Zivilisten oder dem Aufbau demokratischer Strukturen zu tun haben.

Stattdessen sei es das wichtigste Interesse einer westlichen dominanten Macht wie der USA, in der östlichen Welt keinen anderen Akteur vergleichbar stark werden zu lassen. Daneben gilt es als höchste Priorität, die Handelsrouten der Welt zu kontrollieren.

Chaos und Staatszerfall eher kleines Problem

In diesem Zusammenhang müssen chaotische Zustände in bestimmten Regionen nicht unbedingt von Nachteil sein. Dabei weist Kaplan darauf hin, dass chaotische Gebiete weniger Gefahren bergen als gemeinhin angenommen wird.

So sei es zwar richtig, dass solche Regionen transnationalen Terrorgruppen gewisse Entfaltungsmöglichkeiten bieten. Als Beispiel dafür nennt er die Anschläge gegen Einrichtungen der USA in Benghazi (Libyen) vergangen Jahres. Allerdings bieten chaotische Zustände für solche Netzwerke nicht genug Sicherheit, um Anschläge im Stile des 11.Septembers planen und durchzuführen zu können. Folglich bereiten deren Aktionen lediglich lokalen Regierungen Probleme.

Wirkliche Bedrohung geht von mehr oder weniger stabilen Staaten aus

Für Aktionen, die tatsächlich die Sicherheit des Westens bedrohen würden, bedarf es hingegen mehr oder weniger nach innen gefestigte Gebiete, wie es Afghanistan zur Zeit der Taliban war. Auch der Iran kann nur aufgrund einer gewissen Stabilität sein ambitioniertes Atomprogramm vorantreiben. Insofern gehen die eigentlichen Bedrohungen von stabilen staatlichen Gebilden aus.

Dagegen kann selbst Israel von der chaotischen Situation der arabischen Welt profitieren. So geht von einem im Bürgerkrieg versinkenden Syrien keine sogenannte konventionelle Bedrohung mehr aus. Gleichzeitig geht dieser einher mit einer Schwächung des mit Syrien verbündeten des Iran. Aber auch aus dem neuerliche Umsturz in Ägypten ergeben sich laut dem ehemaligen Mossad Mitarbeiter Yossi Alpher mehr Chancen als Risiken.

Liberale Diktaturen besser als Demokratie?

Allerdings muss bedacht werden, dass Chaos der Entwicklung hin zu liberalen Demokratien im Wege steht. Aus Sicht von Experten ist dies jedoch ein eher moralisches Argument. Für Geostrategen wie Kaplan ist dieser Sachverhalt jedoch eher zu vernachlässigen. Denn niemand kann sich sicher sein, dass mögliche zukünftige Demokratien den westlichen Interessen so gut zuarbeiten, wie dies die autoritären Herrscher in der Vergangenheit geleistet haben. So sicherten gerade diese Regime den Einfluss der Vereinigten Staaten in dieser Region. Dabei halfen sie auch die wichtigsten Handelswege, wie z. B. den Suezkanal, freizuhalten und die stetige und günstige Versorgung mit Erdöl sicherzustellen.

Für Kaplan ist es insofern nur logisch, dass westliche Staaten es vorziehen mit liberalen Diktaturen zu kooperieren oder ein gewisses Maß an Chaos akzeptieren, anstatt sich mit feindseligen oder nicht vorhersehbaren Demokratien auseinandersetzen zu müssen.

 

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